Psychiatrie und Psychotherapie

 

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Versorgungsforschung

Arbeitsgruppe "Versorgungsforschung und Patientenorientierung"

Leitung: Prof. Dr. Johannes Hamann

 

Versorgungsforschung beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Untersuchung der Patientenversorgung unter Alltagsbedingungen. Dabei widmet sich Versorgungsforschung der sogenannten „letzen Meile“, d. h. der Umsetzung von medizinischen Interventionen und Innovationen in die Patientenversorgung.

Eines der wichtigsten Hindernisse beim Erreichen optimaler Behandlungsergebnisse ist der sogenannte Efficacy-Effectiveness Gap. Mit diesem Begriff bezeichnet man die Tatsache, dass die für ein bestimmtes medizinisches Problem wirksamste Behandlung in der Versorgungsrealität oft nicht durchgeführt wird und die nach dem derzeitigen Wissensstand eigentlich erreichbaren Behandlungsergebnisse in der Routineversorgung oft nicht erreicht werden.

Diese Defizite beim Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Versorgungspraxis können sowohl von den Behandlern (Ärzte und andere Berufsgruppen) als auch von den Patienten (v. a. durch Non-Adherence) verursacht werden und haben nicht nur unnötiges Leiden auf Seiten der Patienten zur Folge, sondern auch unnötige Kosten infolge vermeidbarer Komplikationen, längerer Liegedauer, höherer Wiederaufnahmerate, etc. Die AG "Versorgungsforschung und Patientenorientierung" beschäftigt sich deshalb mit dem (Entscheidungs-)Verhalten der beiden wichtigsten Akteure, Patienten und Ärzte.

Die wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen zum einen auf den Gebieten des medizinischen Entscheidungsverhaltens und der Patientenorientierung (medical decision making, shared decision making), zum anderen auf dem Bereich Arbeit und psychische Erkrankungen.

Shared Decision Making (SDM) ist ein neues Modell der Arzt-Patient-Beziehung, das eine Mittelstellung zwischen dem traditionellen paternalistischen Modell und konsumeristischen Ansätzen einnimmt. Das Modell wurde bereits in den 1990er Jahren in den USA und Kanada entwickelt und wird heute von zahlreichen Fachgesellschaften als "Good Clinical Practice" empfohlen. Es gibt Hinweise darauf, dass eine Einbeziehung von Patienten in medizinische Entscheidungen nach diesem Modell Therapieakzeptanz, Zufriedenheit und Compliance verbessert. Unsere eigenen Forschungsaktivitäten zielten in den vergangenen Jahren darauf ab, dieses Modell in der Therapie psychiatrischer Patienten zu etablieren. Mittlerweile wird die Übertragbarkeit des Modells in verschiedenen weiteren Indikationsgebieten untersucht. Medical Decision Making (MDM) ist ein interdisziplinäres Forschungsgebiet, das sich mit Entscheidungen von Ärzten und Patienten beschäftigt. Dabei geht es neben normativen Ansätzen vor allem darum, medizinisches Entscheiden abzubilden, zu erklären und zu verbessern. In Kooperation mit Grundlagenforschern anderer Disziplinen (z. B. Sozialpsychologie) wenden wir verschiedenste methodische Ansätze auf den medizinischen Kontext an.

Psychische Erkrankungen sind mittlerweile die dritthäufigste Diagnosegruppe bei Arbeitsunfähigkeit, und die häufigste Ursache für Frühverrentungen. Auf der anderen Seite haben Arbeit und Berufstätigkeit einen positiven Effekt auf den Krankheitsverlauf psychisch Kranker. Akute psychische Krisen, die eine stationäre Krankenhausbehandlung erforderlich machen, reißen die Betroffenen teilweise über längere Zeiträume aus ihren Beschäftigungsverhältnissen. Um Jobverluste zu vermeiden benötigt diese Gruppe besondere Interventionen, die unter dem Begriff „berufliches Entlassmanagement“ zusammengefasst werden können. Unsere Arbeitsgruppe entwickelt und evaluiert derartige Unterstützungsprogramme, u.a. derzeit in der durch den innovationsfonds geförderten RETURN-Studie.

Mitarbeiterinnen:

Dr. Katharina Bronner

Adele Brucks

Fabian Holzhüter

Monika Kohl

Birgit Linsel

Dr. Lina Riedl

Florian Schuster

Jegan Thilaganathan

Marie-Sophie Welker

 

Aktuelle Projekte:


Partizipative Planung gesundheitlicher und sozialer Entscheidungen nach Diagnosestellung einer Alzheimer-Demenz: eine Proof-of-concept-Studie (DFG)

Shared Decision Making PLUS – a cluster-randomized trial with inpatients suffering from schizophrenia (Industrie)

Return-to-Work-Experten in der stationären Behandlung von Patienten mit psychischen Erkrankungen – eine Proof-of-Concept-Studie (RETURN) (Innovationsfonds)

 

Key-Publikationen:

Hamann J, Heres S. Why and How Family Caregivers Should Participate in Shared
Decision Making in Mental Health. Psychiatr Serv. 2019 May 1;70(5):418-421.

Hölzle P, Baumbach A, Mernyi L, Hamann J. [Return to Work: A Psychoeducational
Module - An Intervention Study]. Psychiatr Prax. 2018 Sep;45(6):299-306.

Mernyi L, Hölzle P, Hamann J. [Psychiatric Inpatient Treatment and Return to
Work]. Psychiatr Prax. 2018 May;45(4):197-205.

Hamann J, Parchmann A, Sassenberg N, Bronner K, Albus M, Richter A, Hoppstock
S, Kissling W. Training patients with schizophrenia to share decisions with their
psychiatrists: a randomized-controlled trial. Soc Psychiatry Psychiatr Epidemiol.
2017 Feb;52(2):175-182

Hamann J, Kissling W, Mendel R. Does it matter whether physicians'
recommendations are given early or late in the decision-making process? An
experimental study among patients with schizophrenia. BMJ Open. 2016 Sep
16;6(9):e011282.

Bronner K, Perneczky R, McCabe R, Kurz A, Hamann J. Which medical and social
decision topics are important after early diagnosis of Alzheimer's Disease from
the perspectives of people with Alzheimer's Disease, spouses and professionals?
BMC Res Notes. 2016 Mar 8;9:149.

Hamann J, Kohl S, McCabe R, Bühner M, Mendel R, Albus M, Bernd J. What can
patients do to facilitate shared decision making? A qualitative study of patients
with depression or schizophrenia and psychiatrists. Soc Psychiatry Psychiatr
Epidemiol. 2016 Apr;51(4):617-25.

Hamann J, Mendel R, Reichhart T, Rummel-Kluge C, Kissling W. A
"Mental-Health-at-the-Workplace" Educational Workshop Reduces Managers' Stigma
Toward Depression. J Nerv Ment Dis. 2016 Jan;204(1):61-3.

Hamann J, Heres S. Adapting shared decision making for individuals with severe
mental illness. Psychiatr Serv. 2014 Dec 1;65(12):1483-6.

Hamann J, Kissling W, Heres S. Checking the plausibility of psychiatrists׳
arguments for not prescribing depot medication. Eur Neuropsychopharmacol. 2014
Sep;24(9):1506-10.

Hamann J, Lipp ML, Christ-Zapp S, Spellmann I, Kissling W. Psychiatrist and
Patient Responses to Suspected Medication Nonadherence in Schizophrenia Spectrum
Disorders. Psychiatr Serv. 2014 Apr 1.

Hamann J, Heres S, Seemann U, Beitinger R, Spill B, Kissling W. Effects of an
integrated care program for outpatients with affective or psychotic disorders.
Psychiatry Res. 2014 Jun 30;217(1-2):15-9.

Beitinger R, Kissling W, Hamann J. Trends and perspectives of shared
decision-making in schizophrenia and related disorders. Curr Opin Psychiatry.
2014 May;27(3):222-9.

Mendel R, Kissling W, Reichhart T, Bühner M, Hamann J. Managers' reactions
towards employees' disclosure of psychiatric or somatic diagnoses. Epidemiol
Psychiatr Sci. 2013 Dec 5:1-4.

Hamann J, Mendel R, Meier A, Asani F, Pausch E, Leucht S, Kissling W. "How to
speak to your psychiatrist": shared decision-making training for inpatients with
schizophrenia. Psychiatr Serv. 2011 Oct;62(10):1218-21.

Mendel R, Traut-Mattausch E, Jonas E, Leucht S, Kane JM, Maino K, Kissling W,
Hamann J. Confirmation bias: why psychiatrists stick to wrong preliminary
diagnoses. Psychol Med. 2011 Dec;41(12):2651-9.

Hamann J, Mendel R, Reiter S, Cohen R, Bühner M, Schebitz M, Diplich S,
Kissling W, Berthele A. Why do some patients with schizophrenia want to be
engaged in medical decision making and others do not? J Clin Psychiatry. 2011
Dec;72(12):1636-43.